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Claas Relotius: Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ deckt Betrug im eigenen Haus auf

Bild: spiegelgruppe.de / Noshe/DER SPIEGEL

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat einen Manipulationsskandal im eigenen Haus öffentlich gemacht. Der Journalist Claas Relotius habe in „großem Umfang“ eigene Geschichten gefälscht, teilte der Verlag am Mittwoch mit. Dabei habe Relotius „mit Vorsatz, methodisch und hoher krimineller Energie“ getäuscht. Der 33-Jährige, der seit sieben Jahren für das Blatt arbeitete, habe inzwischen die Manipulationen eingeräumt und das Haus verlassen.

Relotius: „Es war die Angst vor dem Scheitern“

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Die erste Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ erschien am 4. Januar 1947 in einer Auflage von 15.000 Exemplaren. Erster Herausgeber und Chefredakteur war Rudolf Augstein. Heute hat das wöchentlich erscheinende Blatt rund 6,5 Millionen Leser und eine Auflage von ca. 725.000 Exemplaren. Bereits 1949 beschloss die Redaktion das „Spiegel-Statut“, nach dem alle Nachrichten und Tatsachen, die im „Spiegel“ verarbeitet und verzeichnet sind, peinlichst genau nachzuprüfen sind. Dazu dient das „Spiegel-Archiv“, das mit mehr als 80 Mitarbeitern als weltweit größte Dokumentations- und Rechercheabteilung eines Nachrichtenmagazins gilt.
Konkret aufgeflogen waren die Fälschungen durch den Artikel „Jaegers Grenze“. Dieser handelt von einer Bürgerwehr in Arizona. Bei der gemeinsamen Recherche wurde Relotius‘ Kollege Juan Moreno misstrauisch und schilderte den verantwortlichen Redakteuren seine Bedenken. Dabei, so schreibt der „Spiegel“ heute in einer Stellungnahme, sei er wie ein Whistleblower, dem nicht geglaubt wird, gegen Wände gerannt. Auch Relotius stritt alle Vorwürfe zunächst ab, ehe vor wenigen Tagen die Indizien erdrückend wurden und seine Vorgesetzte Özlem Gezer den Journalisten zur Rede stellte. Die Vize-Chefin des „Spiegel“-Gesellschaftsressorts habe dabei seine Glaubwürdigkeit in Abrede gestellt, woraufhin er die Vorwürfe einräumte.

Erst am 3. Dezember hatte Relotius für eine „Spiegel“-Story zum wiederholten Male den Deutschen Reporterpreis erhalten. „Ein Kinderspiel“ erzählt von einem syrischen Jungen, der in dem Glauben lebt, mit einem Streich den Bürgerkrieg in seinem Land ausgelöst zu haben. Die Jury, besetzt mit vielen wichtigen Journalisten des Landes, würdigte damit ein Werk von „beispielloser Leichtigkeit, Dichte und Relevanz“, das zudem nie offen lasse, auf welchen Quellen es basiert. Gerade der letzte Satz muss nach den jüngsten Entwicklungen wie Hohn klingen.

In seinem Geständnis legte Relotius dar, dass mindestens 14 Artikel zumindest in Teilen gefälscht seien. So habe er laut „Spiegel“ beispielsweise Personen nie gesprochen oder getroffen, von denen er in seinen Artikeln erzähle oder die er in seinen Texten zitiere. „Es ging nicht um das nächste große Ding. Es war die Angst vor dem Scheitern. Mein Druck, nicht scheitern zu dürfen, wurde immer größer, je erfolgreicher ich wurde“, zitiert das Blatt den geschassten 33-Jährigen selbst, der noch bis vor Kurzem als „journalistisches Idol seiner Generation“ galt.

Kommission soll interne Abläufe kritisch hinterfragen

Der „Spiegel“ selbst nannte die Enthüllung in eigener Sache einen „Schock“. In seiner Erklärung auf „Spiegel Online“ entschuldigte sich der Verlag unter anderem bei allen, die mit falschen Zitaten oder Tatsachenbehauptungen in den betreffenden Artikeln erwähnt wurden sowie bei seinen Lesern. Als Konsequenz will die Leitung des „Spiegel“ nun eine Kommission aus erfahrenen internen und externen Kollegen einsetzen, die „als interne Revision allen Hinweisen auf Manipulation nachgeht“. Zudem will man Arbeitsabläufe, Dokumentationspflichten und die organisatorischen Rahmenbedingungen im Haus kritisch überprüfen. An erster Stelle stehe nun, das Vertrauen in die Arbeit der Redaktion wiederherzustellen – und auch das Vertrauen der Redaktion in die bisher als hochpenibel geltende Dokumentation im „Spiegel“-Haus, die jeden Artikel vor Drucklegung prüft (siehe auch Info-Box).