home Politik, Wirtschaft Schicht im Schacht: Letztes Steinkohle-Bergwerk im Ruhrgebiet stellt Betrieb ein

Schicht im Schacht: Letztes Steinkohle-Bergwerk im Ruhrgebiet stellt Betrieb ein

Bild: piabay.com / -z-w-i-e-l-i-c-h-t-

Es ist ein historischer Tag: In Bottrop wurde heute mit Prosper-Haniel die letzte Steinkohlezeche im Ruhrgebiet geschlossen. Die Bergleute holten dabei symbolisch den letzten Förderwagen ans Tageslicht und überreichten Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das letzte Stück geförderte Steinkohle. Mehr als 150 Jahre industrieller Steinkohlebergbau in Deutschland gehen damit mit dem heutigen Tage zu Ende.

Steinkohle-Niedergang begann 1958 mit dem Siegeszug des Öls

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Schon im 13. Jahrhundert ist der Kohlebergbau im Raum Dortmund erstmals urkundlich belegt. Dies waren jedoch keine Zechen im heutigen Sinne sondern einfach Gruben, in denen Bauern die Kohle abbauten. Mit der Industrialisierung wurde auch der Bergbau professionalisiert. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts gab es in Bochum erste Tiefbauschächte, 1801 wurde die erste Dampfmaschine im Ruhrbergbau in Betrieb genommen. Mit der Kohlekrise 1958 begann das Zechensterben, seit 1970 war die Steinkohle ein Zuschussgeschäft. Das Ende besiegelte der NRW-Landtag 2007 mit einem Gesetz, das den Ausstieg aus dem subventionierten Steinkohlebergbau bis 2018 festschrieb.
Während die einen das Ende der Steinkohleförderung in Deutschland mit einem weinenden Auge sehen, konnte für andere das Aus der Steinkohle gar nicht schnell genug kommen. Für sie fühle sich der Abschied von der Kohle fast so an wie der Tod eines alten Freundes, sagen die Kumpel auf Prosper-Haniel. Noch etwa sechs Millionen Tonnen Kohle seien in der Erde, dadurch hätte man die Förderung noch mindestens 40 Jahre aufrechterhalten können. Doch es gibt auch zahlreiche Stimmen, die sagen, dass mit dem Ausstieg viel zu lange gewartet wurde. So steht für viele der Kohleabbau für jahrhundertelangen Raubbau an der Natur mit Schäden für die Umwelt, die bislang noch gar nicht absehbar seien. Große Teile des Ruhrgebiets haben sich durch den Kohleabbau gesenkt, stellenweise bis zu 25 Meter und mehr. Damit sich in diesen Senken und auch in den alten Zechen kein Wasser sammelt, müssen die Wasserströme auf Dauer mit Hunderten Pumpen reguliert werden. „Ewigkeitslasten“ heißen diese und andere Aufgaben, die die RAG-Stiftung übernimmt, die für die sozialverträgliche Abwicklung des subventionierten Steinkohlebergbaus in Deutschland 2007 gegründet wurde.

In der „goldenen Ära“ der Kohle, den 1950er-Jahren, lebten noch rund 600.000 Menschen in Deutschland von der Steinkohle. Rund 180 Millionen Tonnen wurden damals im gesamten Ruhrgebiet aus der Erde geholt – zum Vergleich: auf Prosper-Haniel war es in diesem Jahr noch ein Hundertstel dieser Menge. Begonnen hatte der Niedergang bereits 1958, als Millionen Tonnen Koks und Kohle unverkäuflich auf den Halden lagen, da das Öl der Kohle beim Heizen von Häusern und Wohnungen mehr und mehr den Rang abgelaufen hatte. Später kam dann noch die deutliche billigere Kohle aus Australien, Kanada oder China hinzu, die dort und deutlich einfacheren Bedingungen und damit wesentlich kostengünstiger abgebaut werden kann. Schließlich entschied die deutsche Politik im Jahr 2007, aus dem Steinkohlebergbau auszusteigen, weil die Subventionen, mit denen die Industrie seit Jahrzehnten am Leben gehalten wurde, ins Unermessliche stiegen. Prosper-Haniel war nun die letzte verbliebene Zeche – und auch dort steht der „Hobel“, der die Kohle aus dem Gestein fräst, bereits seit Sommer still. Dann waren die letzten verbliebenen Subventionen aufgebraucht und die Kumpel seitdem hauptsächlich mit dem Rückbau ihrer eigenen Arbeitsplätze beschäftigt.

Tonnen giftiger Altlasten bleiben in der Erde

Bis 2020 soll die Abwicklung auf Prosper-Haniel noch dauern, dann ist der Bergbau im Ruhrgebiet endgültig Geschichte. Seine sichtbaren und unsichtbaren Folgen werden die Menschen aber noch lange beschäftigen. Sichtbar sind die zahlreichen Halden, auf denen lagert, was die Bergleute mit der Kohle aus der Erde holten. Als begrünte Hügel sind sie heute Freizeitziele. Wesentlich schlimmer sind die unsichtbaren Folgen: Bis vor etwa 30 Jahren wurden in den Bergwerken Hydrauliköle eingesetzt, die PCB enthalten und krebserregend sind. In einigen geschlossenen Zechen lagern immer noch Tausende Tonnen davon. Zudem wurden in den 1990er-Jahren Industrieabfälle in verlassene Stollen gepumpt und verschlossen. Sollten diese Altlasten dereinst das Grundwasser verseuchen, stehe man vor einem „absoluten Horrorszenario“, so der Geologe Ulrich Peterwitz.