home Gesundheit Multiresistente Keime: Verseuchte Gewässer durch Antibiotika-Produktion in Schwellenländern als mögliche Quelle im Verdacht

Multiresistente Keime: Verseuchte Gewässer durch Antibiotika-Produktion in Schwellenländern als mögliche Quelle im Verdacht

Immer wieder sorgen Nachrichten über das Auftreten multiresistenter Keime in Krankenhäusern mit oft tödlichen Folgen für Aufsehen. Doch woher stammen diese? Viele Antibiotika werden günstig in Schwellenländern wie Indien produziert und dann auf dem deutschen Markt für gutes Geld verkauft. Wie Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung jetzt ergeben haben, stehen besonders Abwässer aus der Antibiotika-Produktion als Quelle für die globale Verbreitung multiresistenter Keime im Verdacht.

Todesfälle durch unwirksame Antibiotika

INFO-BOX:
TV-Dokumentation
Eine Dokumentation über die Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung unter dem Titel "Der unsichtbare Feind - Tödliche Supererreger aus Pharmafabriken" zeigt Das Erste am kommenden Montag, 8. Mai um 22.45 Uhr.
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Die Hauptursache der Verseuchung des Wassers ist dabei die mangelhafte Abwasserreinigung der Fabriken. Wie Gewässerproben am indischen Pharmastandort Hyderabad ergaben, weisen Gewässer in unmittelbarer Nähe der Produktionsstätten eine teilweise bis zu tausendfach höhere Konzentration von Antibiotika-Resten und Pilzbekämpfungsmitteln auf, als sie aktuell von deutschen Grenzwerten empfohlen sind. In derartigen Gewässern können Bakterien innerhalb kürzester Zeit Abwehrmechanismen gegen Antibiotika entwickeln und über den direkten Kontakt mit dem verunreinigten Wasser oder die Nahrungskette in den menschlichen Körper gelangen. Erkrankt der Mensch, kann dies dann im schlimmsten Fall dazu führen, dass entsprechende Antibiotika nicht mehr wirken und der Patient stirbt. Der Leipziger Infektionsforscher Christoph Lübbert zeigte sich entsetzt von den Zuständen vor Ort und nannte die Gewässer rund um die Produktionsstätten in Hyderabad einen „Bioreaktor unter freiem Himmel“.

Der Vorwurf der Umweltbelastung durch Medikamentenherstellung ist an sich nichts Neues. Wie der Sprecher des Verbands der Forschenden Arzneimittelhersteller Rolf Hömke der dpa mitteilte, hätten sich die Mitglieder des Verbands im letzten September auf Maßnahmen zur Rückverfolgung der Herstellung geeinigt. So sollen in den kommenden Jahren auch Zulieferer aus Schwellenländern auf Umweltaspekte hin überprüft werden. Diese Vereinbarung hätten bisher jedoch nicht alle deutschen Pharma-Unternehmen unterzeichnet. Auch Bundesumweltminister Hermann Gröhe sieht Handlungsbedarf. Es sei unerlässlich, dass Pharmaunternehmen ihre Abwässer entsprechend aufbereiten, und zwar überall, auch in Schwellenländern. Hierauf müssten internationale Gremien im Wirtschafts- und Umweltbereich hinwirken, so der Minister am gestrigen Donnerstag.

Preisdruck ein Grund für schlechte Produktionsbedingungen

Nicht zuletzt der Preisdruck auf dem umkämpften Gesundheitsmarkt ist eine Schlüsselursache dafür, dass die Produktion von Medikamenten heutzutage zu rund 90 Prozent in Ländern wie China oder Indien stattfindet. Eines der letzten verbliebenen europäischen Werke in Frankfurt-Hoechst hatte seine Produktion im vergangenen Jahr eingestellt. In Indien reagiert man auf die Ergebnisse der deutschen Nachforschungen im Übrigen erwartbar kritisch. So sei es „Quatsch, Industrieabwässer mit dem Transfer resistenter Bakterien auf Menschen zu korrelieren“, sagte der stellvertretende Geschäftsführer des Think Tanks Zentrum für Wissenschaft und Umwelt (CSE) in Neu Delhi. Das Phänomen resistenter Keime gebe es weltweit, besonders in den USA, wo sich Antibiotika-Rückstände in jedem Produkt mit Hühnerfleisch nachweisen ließen. Die Dokumentation zu dem Thema zeigt die ARD am kommenden Montag, 8. Mai um 22.45 Uhr.

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