home Politik Chronische Darmkrankheit: Japanischer Premierminister Shinzo Abe tritt zurück

Chronische Darmkrankheit: Japanischer Premierminister Shinzo Abe tritt zurück

Rund ein Jahr vor dem regulären Ende seiner Amtszeit gibt der japanische Premierminister Shinzo Abe sein Amt aus gesundheitlichen Gründen auf. Dies gab der 65-Jährige am Freitag bei einer Pressekonferenz in Tokio bekannt. Sein Gesundheitszustand habe sich aufgrund einer langwierigen Darmerkrankung seit Mitte Juli verschlechtert. Berichten zufolge leidet Abe bereits seit Jahrzehnten an der chronisch-entzündlichen Darmkrankheit Colitis ulcerosa.

Abe am längsten amtierender Regierungschef Japans

INFO-BOX:
Premierminister Japans seit 1955
1980-1982: Suzuki Zenko
1982-1987: N. Yasuhiro
1987-1989: T. Noboru
1989: Uno Sosuke
1989-1991: Toshiki Kaifu
1991-1993: Miyazawa Kiichi
1993-1994: M. Hosokawa
1994: Tsutomu Hata
1994-1996: M. Tomiichi
1996-1998: R. Hashimoto
1998-2000: Keizo Obuchi
2000-2001: Yoshiro Mori
2001-2006: J. Koizumi
2006-2007: Shinzo Abe
2007-2008: Yasuo Fukuda
2008-2009: Taro Aso
2009-2010: Y. Hatoyama
2010-2011: Naoto Kan
2011-2012: Yoshihiko Noda
2012-2020: Shinzo Abe
Bei der Pressekonferenz bat Abe die Japaner aus tiefstem Herzen um Entschuldigung dafür, dass er sein Amt inmitten der Corona-Pandemie aufgeben müsse. Er bedauerte auch, dass er aufhören müsse, ohne alle seine Ziele erreicht zu haben. Bis zur Ernennung eines Nachfolgers werde er im Amt bleiben. Zu möglichen Kandidaten aus seiner regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) wollte sich Abe nicht äußern. Dies sei nicht seine Entscheidung. Als Favoriten gelten der als moderat geltende frühere Verteidigungsminister Shigeru Ishiba, der sich häufiger kritisch über Abe geäußert hatte. Außerdem aussichtsreich im Rennen ist laut Medien der ehemaligen Außenminister Fumio Kishida. Nach Angaben der LDP soll kommende Woche über die Nachfolgewahl beraten werden.

Über die gesundheitliche Verfassung des Premiers war seit Wochen spekuliert worden. Allein diesen Monat suchte Abe für „Gesundheitschecks“ zwei Mal ein Krankenhaus auf. Auf die Frage nach Gründen sprach sein Stab bisher stets von Erschöpfung und Überarbeitung. Im Juli kamen dann Berichte auf, nachdem Abe in seinem Büro Blut gespuckt habe. Schon in seiner ersten Amtszeit von 2006 bis 2007 hatte Abe sein Amt aufgrund der Krankheit abrupt niederlegen müssen. Später bekam er sie mithilfe von Medikamenten soweit in den Griff, dass er ab 2012 erneut zum Ministerpräsidenten des Landes gewählt werden konnte. Erst am vergangenen Montag hatte der Premier die historische Marke als der am längsten amtierende Regierungschef Japans gebrochen. In der Corona-Pandemie ist Abe in Umfragen zu seiner Beliebtheit abgestürzt. Zwar verzeichnet Japan im internationalen Vergleich nur relativ wenige Infektionsfälle. Der Regierung werden aber Versäumnisse bei der Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen der Krise vorgeworfen.

EU lobt enge Zusammenarbeit und Partnerschaft

International bekannt wurde der 65-Jährige durch sein „Abenomics“-Reformprogramm. Mit einer Mischung aus staatlichen Förderprogrammen, einer laxen Geldpolitik und strukturellen Reformen wollte Abe die japanische Wirtschaft aus der Krise führen. Sicherheitspolitisch gilt er hingegen als Hardliner. Die Ausgaben für die Armee steigen seit Jahren, seit 2014 entsendet das Land auch wieder Soldaten in internationale Militäreinsätze. Innenpolitisch sehr umstritten sind seine Bemühungen, die pazifistische Verfassung Japans zu ändern.

Nach der Rücktrittsankündigung danke EU-Ratschef Charles Michel Abe für die enge Zusammenarbeit und die Partnerschaft mit der EU. „Ich wünsche Ihnen gute Gesundheit und hoffe, Sie bald wieder zu sehen, mein Freund“, schrieb Michel auf Twitter. Erst im vergangenen Jahr war ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Japan in Kraft getreten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bedauerte den Rücktritt und wünschte Abe ebenfalls „von Herzen gesundheitlich alles Gute“. Sie habe mit ihm sehr gut zusammengearbeitet. Regierungssprecher Steffen Seibert twitterte: „Er hat japanische Geschichte mitgeprägt und sich immer für Multilateralismus und unser gemeinsames Wertefundament eingesetzt“.