home Panorama „Anti-Abschiebe-Industrie“: Ausdruck von Alexander Dobrindt zum „Unwort des Jahres 2018“ gewählt

„Anti-Abschiebe-Industrie“: Ausdruck von Alexander Dobrindt zum „Unwort des Jahres 2018“ gewählt

Bild: pixabay.com / geralt

„Anti-Abschiebe-Industrie“ lautet das Unwort des Jahres 2018. Dies gab die Sprecherin einer unabhängigen und sprachkritischen Jury, Linguistik-Professorin Nina Janich, heute in Darmstadt bekannt. Der Begriff folgt damit auf „Alternative Fakten“, das für das Jahr 2017 zum Unwort des Jahres gekürt worden war. Geprägt hatte dieses Kellyanne Conway, eine Beraterin von US-Präsident Donald Trump, die damit die Behauptung untermauern wollte, dass bei dessen Amtseinführung mehr Menschen als jemals zuvor auf der Straße gewesen seien.

„Asyltourismus“ mit deutlichem Abstand häufigster Vorschlag

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Unwörter des Jahres
mehr dazu
2006: Freiwillige Ausreise
2007: Herdprämie
2008: Notleidende Banken
2009: Betriebsrats-verseucht
2010: Alternativlos
2011: Döner-Morde
2012: Opfer-Abo
2013: Sozialtourismus
2014: Lügenpresse
2015: Gutmensch
2016: Volksverräter
2017: Alternative Fakten
„Anti-Abschiebe-Industrie“ geht hingegen auf den CSU-Politiker und ehemaligen Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt zurück. Dieser hatte den Begriff in einem Interview im Mai benutzt und dabei Klagen gegen die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber als Sabotage des Rechtsstaats bezeichnet sowie von einer „Anti-Abschiebe-Industrie“ gesprochen. Damit unterstelle der Ausdruck „denjenigen, die abgelehnte Asylbewerber rechtlich unterstützen und Abschiebungen auf dem Rechtsweg prüfen die Absicht, auch kriminell gewordene Flüchtlinge zu schützen und damit in großem Maßstab Geld verdienen zu wollen“, sagte Janich. Dies zeige, „wie sich der politische Diskurs sprachlich und in der Sache nach rechts verschoben hat und sich damit auch die Sagbarkeitsregeln in unserer Demokratie auf bedenkliche Weise verändern.“

Die Jury hatte in diesem Jahr aus knapp 900 Einsendungen mit mehr als 500 Vorschlägen zu wählen. Das waren deutlich weniger als beispielsweise noch Mitte/Ende der 1990-Jahre, wo teilweise mehr als 2.000 Einsendungen pro Jahr die sprachkritische Jury erreichten. Die häufigsten Einsendungen neben dem Unwort des Jahres waren dabei „Asyltourismus“ (122 x), Vogelschiss/Fliegenschiss (22 x), DSGVO (Datenschutzgrundverordnung, 22 x), Hetzjagd (17 x), (bedauerlicher) Einzelfall (14 x), Ankerzentrum (13 x), Biodeutsche (11 x), Deal (10 x) und mutmaßlich (9 x). Neben Janich, die an der TU Darmstadt lehrt, besteht die Jury für das Unwort des Jahres aus den Sprachwissenschaftlern PD Dr. Kersten Sven Roth (Universität Düsseldorf), Prof. Dr. Jürgen Schiewe (Universität Greifswald), Prof. Dr. Martin Wengeler (Universität Trier) sowie dem Autor und freien Journalisten Stephan Hebel. Hinzu kommt ein jährlich wechselndes Mitglied, dies war in diesem Jahr der Autor und Kabarettist Jess Jochimsen.

Viele Vorschläge genügen nicht den Auswahlkriterien

Das Unwort des Jahres gibt es bereits seit 1991. Dabei wählt die Jury stets einen Begriff, der gegen das „Prinzip der Menschenwürde“ oder gegen „Prinzipien der Demokratie“ verstößt, weil er gesellschaftliche Gruppen diskriminiert oder „euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend“ ist. Entschieden wird jedoch nicht nach Häufigkeit des Vorschlags. Viele Vorschläge seien bereits veraltet, nur unklar belegt oder wurden bereits in Vorjahren zu Unwörtern des Jahres gewählt. Oftmals entsprächen die Wörter auch nicht den Kriterien und würden von den Menschen einfach als Ärgernis oder Problem empfunden, so Sprachwissenschaftlerin Janich. Dies treffe beispielsweise auf die „DSGVO“ zu, die mit 22 Vorschlägen auf mehr als die doppelte Anzahl der Nennungen kam, wie das neue Unwort des Jahres (10 Nennungen).