home Wirtschaft Kampf gegen Inflation: EZB will Zinsen im Juli um 0,25 Prozent anheben

Kampf gegen Inflation: EZB will Zinsen im Juli um 0,25 Prozent anheben

Nach vielen Jahren einer ultralockeren Geldpolitik beendet die Europäische Zentralbank (EZB) ihre milliardenschweren Netto-Anleihenkäufe zum 1. Juli dieses Jahres. Damit macht die Notenbank den Weg frei für die erste Zinserhöhung im Euroraum seit 11 Jahren. Das beschloss der EZB-Rat am Donnerstag in einer Sitzung in Amsterdam.

Negativzinsen sollen im September Geschichte sein

Bereits im Juli will die EZB die Zinsen um 0,25 Prozentpunkte anheben. Die Negativzinsen, die der frühere EZB-Präsident Mario Draghi 2014 eingeführt hatte, könnten dann im September Geschichte sein. Über den September hinaus gehe der EZB-Rat auf der Grundlage seiner derzeitigen Einschätzung davon aus, dass ein „allmählicher, aber nachhaltiger“ Pfad weiterer Zinserhöhungen angemessen sein werde. Im Zuge der globalen Finanzkrise, der Staatsschuldenkrise um Griechenland und später dann durch die Corona-Pandemie befand sich die Notenbank über Jahre hinweg im Notfallmodus. Seit 2015 kaufte sie öffentlichen Anleihen und Unternehmenspapiere und pumpte dadurch riesige Summen in das System, um die Wirtschaft auch in Krisenzeiten liquide zu halten und die Inflation anzutreiben.

Angst vor neuer Euro-Schuldenkrise

INFO-BOX:
Leitzins
Der Leitzins ist das zentrale Element zur Steuerung der Geldpolitik und wird von einer Zentralbank im Rahmen ihrer Geldpolitik einseitig festgelegt. Er gibt an, zu welchem Zinssatz die Zentralbank mit ange-schlossenen Banken Geschäfte abschließt. Der EZB-Leitzins erreichte sein bisheriges Maximum mit 4,75 Prozent im Oktober 2000, seit März 2016 steht er bei 0 Prozent.
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Nun müssen die Währungshüter jedoch umdenken. Angefacht durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine und den damit einhergehenden hohen Energiepreisen ist die Inflation in Deutschland aber zuletzt auf einen Rekordwert von mehr als acht Prozent gestiegen. Das ist über viermal so hoch wie das mittelfristige Preisziel der EZB von zwei Prozent. „Hohe Inflation ist eine Herausforderung für uns alle“, erklärte die derzeitige EZB-Chefin Christine Lagarde. „Der EZB-Rat wird dafür sorgen, dass die Inflation auf mittlere Sicht zu unserem Zwei-Prozent-Ziel zurückkehrt“.

„Das Ende der Wertpapierkäufe war überfällig und kommt mindestens drei Monate zu spät“, sagte Friedrich Heinemann vom Mannheimer Forschungsinstitut ZEW. „Eine zu geringe Inflation hat die EZB immer rasch und mit allen verfügbaren Mitteln bekämpft. Der jetzt viel zu hohen Inflation begegnet Europas Notenbank hingegen sehr langsam“. Es gebe die Angst vor einer neuen Euro-Schuldenkrise, das lähme die Notenbank und schade ihrer Glaubwürdigkeit.

Sorgen bereiten den Notenbankern auch mögliche Zweitrundeneffekten wie eine Lohn-Preis-Spirale. Steigen die Löhne als Reaktion auf die hohe Inflation zu stark, könnte das die Preise weiter nach oben treiben, weil Unternehmen gestiegene Löhne als Rechtfertigung von weiteren Preiserhöhungen heranziehen. Löhne und Preise schaukeln sich dann gegenseitig hoch.

Steigende Zinsen könnten Konjunktur abwürgen

Auch aus der deutschen Wirtschaft kommt Kritik. „Dieser Zeitplan ist immer noch zu zögerlich“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, Christian Ossig. Der Einlagezins von aktuell minus 0,5 Prozent, den Banken für bei der EZB geparktes Geld zahlen müssen, bliebe bei dem aktuellen Fahrplan der Notenbank noch bis September im negativen Bereich. Das fundamental geänderte Preisumfeld rechtfertige dies aber bis in den Herbst hinein nicht mehr, so Ossig weiter. Vielmehr müsse die Notenbank die Negativzinspolitik noch vor der Sommerpause mit einer Zinserhöhung um einen halben Punkt in einem Schritt beenden. Dies wäre ein dringend notwendiges Signal an Verbraucher, Unternehmen und Tarifparteien.

Höhere Zinsen machen den Euro attraktiver für Anleger, was dessen Kurs anschieben und damit Importe von Rohstoffen und Energie billiger machen kann. Steigende Zinsen machen zudem Kredite für Konsum und Investitionen teurer. Beide Punkte zusammen könnten die Inflation drücken. Da man so jedoch auch gleichzeitig die Nachfrage drosselt, könnte die ohnehin angeschlagene Konjunktur einen weiteren Dämpfer erhalten.